Ehe für alle?

Blogbeitrag von Jessica Brandenburger (Nationalratskandidatin JUSO Basel-Stadt, Frauen*)

Beim Thema Heiraten scheiden sich in meinem Freund*innenkreis die Geister.

Einige sind fest davon überzeugt in den nächsten fünf Jahren eine dicke Party mit vielen Gästen zu feiern, andere sehen in der Ehe ein überholtes Konzept und wieder andere werden ziemlich schnell still, wenn es um das Thema Ehe geht. Sie können nicht einfach so den Menschen heiraten, den sie möchten, denn ihre Beziehungen passen nicht in den heteronormativen Standard. Klar, meine queeren Freund*innen können eine eingetragene Partner*innenschaft beantragen, was der Hetero-Ehe schon ziemlich nahe kommt, das genau Gleiche ist es aber nicht[1].

Zum Beispiel dürfen eingetragene Paare heute nicht gemeinsam Kinder adoptieren, hetero Ehepaaren steht das offen[2]. Stirbt in einer Heteroehe der Mann erhält die hinterbliebene Frau eine Witwenrente. Stirbt in einer Lesbischen eingetragenen Partner*innenschaft eine Partnerin erhält die Hintergebliebene eine Witwerrente, diese ist tiefer angesetzt als die Witwenrente. Die hinterbliebene Frau erhält also unter Umständen weniger Rente, als wenn sie einen Mann geheiratet hätte. Als wären queere Menschen nicht schon genug diskriminiert, steht ihnen ausserdem der Zugang zur Reproduktionsmedizin nicht offen. Im August 2019 hat sich die Rechtskommission des Nationalrates mit der ‘’Ehe für alle’’ befasst und hat sich für ein Variante entschieden, die auch weiterhin keine Samenspenden für lesbische Paare vorsieht[3].

Dieser Entscheid macht mich unglaublich wütend. Wie kommen wir auch nur auf die Idee erwachsenen, mündigen Menschen vorzuschreiben, mit wem sie ein Kind zeugen dürfen und mit wem nicht? Wieso dürfen Heteropaare, bei denen das mit dem Kinderzeugen auf natürlichem Weg nicht funktioniert medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, queeren Paaren bleibt dieser Weg aber weiterhin verwehrt? Für mich gibt es keinen ersichtlichen Grund, wieso nicht alle Paare (und meiner Meinung nach auch Einzelpersonen)  Zugang zur Reproduktionsmedizin haben sollten.

Besonders schade ist auch, dass das Abstimmungsergebnis in der Kommission mit 13:12 denkbar knapp war. Dieses knappe Ergebnis zeigt aber auch: Eine andere Politik ist möglich! Wenn sich die Mehrheitsverhältnisse in Bern ändern, haben progressive Ideen und Vorstellungen wieder mehr Chancen Mehrheiten zu finden. Deshalb haben die Dachverbände der LGBTQIA+ Organisationen eine Website aufgeschaltet, auf der man nachschauen kann, welche Kandidierenden sich für queere Anliegen einsetzten. Unter https://2019.regenbogenpolitik.ch kann man sich schnell und einfach informieren.

Nun liegt es an euch, liebe Leserinnen* und Leser*. Geht wählen, wählt Menschen die sich für Queers einsetzen, die gegen die herrschende Heteronormativität ankämpfen und allen Menschen die gleichen Rechte zugestehen möchten. Denn um nicht weniger geht es am 20. Oktober. Es geht darum, wie sich die Schweiz in den nächsten vier Jahren weiterentwickeln wird. Ich hoffe ja stark, dass das Parlament nach den Wahlen weiblicher, diverser und queerer ist. Dann können wir auch endlich dieses langweilige Schweizerkreuz durch einen Regenbogen ersetzten… aber das ist nochmals eine andere Geschichte.

 

[1] Alle Unterschiede zwischen der Heteroehe und der eingetragenen Partner*innenschaft könnt ihr hier nachlesen: https://www.parlament.ch/centers/documents/de/beilage-mm-rk-n-2018-07-06-13.486-d.pdf (aufgerufen am 26.09.19)

[2] Der Rechtskomission des Nationalrates hat sich im August 2019 für die Adoption in der eingetragenen Partner*innenschaft ausgesprochen. Die Vorlage befindet sich in der Vernehmlassung: https://www.srf.ch/news/schweiz/entscheid-der-rechtskommission-ehe-fuer-alle-aber-keine-samenspenden-fuer-lesben (aufgerufen am 26.09.19)

[3] https://www.srf.ch/news/schweiz/entscheid-der-rechtskommission-ehe-fuer-alle-aber-keine-samenspenden-fuer-lesben (aufgerufen am 26.09.19)

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