Dehumanisierung von Flüchtlingen

Die Dehumanisierung bezeichnet die Wahrnehmung oder Bezeichnung von Menschen oder Menschengruppen als nicht menschlich oder die Absprechung ihrer menschlichen Qualitäten. Das traurige Phänomen existiert schon ewig und kann extrem schlimme Folgen haben. Seit einiger Zeit existiert sie auch erneut verstärkt in der Schweiz in Bezug auf Flüchtlinge und sie ist so verbreitet, dass sie auch im höchsten Niveau in der Regierung zu finden ist.

 

Das ist vielleicht ein harter Vorwurf, doch man muss sich darauf achten, was für Stereotype über Flüchtlinge existieren. Sei es, das Flüchtlinge nur aus gefälschten Gründen hier seien, uns ausbeuten wollen oder kriminell seien. Es wird Flüchtlingen eine bestimmte Bosheit  unterstellt, die mit einem Aspekt der Dehumanisierung zusammenhängt: Vertrauensverlust.

 

Wenn eine Gruppe dehumanisiert wird, wirft man ihnen eine pauschalisierte Hinterhältigkeit und Bosheit vor und ihre guten menschlichen Qualitäten werden ihnen entnommen. Wenn gewisse Menschen im Auge der Bevölkerung böse sind, wird ihnen nicht mehr vertraut. Der Vertrauensverlust gegenüber Flüchtlingen in der Schweiz hat auch sehr schlimme Konsequenzen, die weitreichende Folgen haben für das Leben unschuldiger Menschen. Dabei rede ich nicht von rassistischen Sprüchen und empathielosen Zeitungsartikel, sondern von der Behandlung der Flüchtlinge bei ihrer Integration in der Schweiz.

 

Mit Dehumanisierung hängen Vertrauens- und Empathieverlust zusammen und dies sieht man schon bei der Erstaufnahme eines Flüchtlings. Es herrscht überhaupt kein Vertrauen und tragische Geschichten werden nicht geglaubt, ausser man kann sie auf x-verschiedene Weisen beweisen. Es wird bei jedem Schritt angenommen, dass die Flüchtlinge versuchen zu lügen und eigentlich nicht von ihrer Heimat verjagt wurden, ihre Familienmitglieder verloren haben oder von den Taliban gesucht werden. Papiere werden verlangt, die die Flüchtlinge unmöglich haben können oder im Heimatland nicht ausgestellt werden. Es scheint fast so als würde man annehmen, die Flüchtlinge seien hinterhältig und hätten aus Spass eine tödliche Reise unternommen, um ihre Familie verlassen zu können. Tragische Geschichten von Menschen in Not werden ignoriert, denn man müsste ja auch Empathie mit jemandem spüren, um von der Geschichte betroffen zu sein.

 

Auch bei Beweisen zeigt das Staatssekretariat für Migration die Tendenz, jeden Grund zu suchen, um ihr Misstrauen beweisen zu können und einen Flüchtling ausschaffen zu können. Schülerausweise aus Eritrea und Pakistan werden ignoriert, weil sie nicht schweizerisch anerkannte Dokumente sind, der nationale afghanische Pass, genannt Tazkara, wird ignoriert, weil es einen Daumenabdruck als Unterschrift benutzt und medizinische Untersuchungen aus anderen Länder werden auch weggewischt, weil man niemandem Vertrauen will. Schaffen es Flüchtlinge dann auch ins Land, bekommen sie nur sehr begrenzte ärztliche oder psychische Betreuung.

 

Die traurigste Manifestation der Dehumanisierung in der Schweiz zeigt sich in der Behandlung der minderjährigen Flüchtlinge. Laut internationalem Gesetz müssen minderjährige Flüchtlinge sofort aufgenommen werden, doch zuerst müssen sie beweisen können, dass sie minderjährig sind und das Staatssekretariat für Migration (SEM) wird alles unternehmen, um den Beweis zu untergraben. Wie schon erwähnt, werden alle Pässe, andere Ausweise und auch medizinische Untersuchungen, sogar aus europäischen Ländern, die das Alter beweisen könnten, ignoriert. Andere Beweise wie Videos aus dem Heimatdorf oder Meinungen von inländischen Psychiater*innen werden auch ignoriert. Manchmal werden Knochenanalysen gemacht, die bekanntlich sehr ungenau sind. Doch dies braucht das SEM nur selten. Nach dem SEM, sind die Flüchtlinge volljährig, bis sie das Gegenteil beweisen können. Doch die Beweise werden nicht akzeptiert: kein Vertrauen. Man will ihnen nicht glauben und darunter leiden unschuldige Kinder.

 

Wie schon erwähnt, bekommen Flüchtlinge nur begrenzt medizinische Hilfe, doch es wird noch schlimmer. Den unglücklichen Minderjährigen wird ein beliebiges volljähriges Geburtsdatum zugeschrieben und sie werden damit von vielen Rechten ausgeschlossen. Die unglücklichen Minderjährigen müssen mit Volljährigen im gleichen Zimmer schlafen, obwohl sie vielleicht im Heimatland von einem Volljährigen belästigt wurden. Minderjährige haben auch einen Recht auf den Schulbesuch und können sich dabei bilden und integrieren. Sie davon auszuschliessen, beendet diese Möglichkeit. Minderjährige, die als Erwachsene eingestuft werden, sind auch nicht vor Ausschaffungen beschützt und landen möglicherweise wieder da, woher sie geflüchtet sind.

 

Alle diese Probleme kommen davon, dass man Flüchtlingen nicht vertraut. Die Dehumanisierung führt zu ihrem Leiden, sogar noch in der Schweiz. Dabei verpassen wir auch eine Chance. Eine Chance, Menschen in Not einen Ort zu bieten, wo sie sich integrieren können, wachsen können und mit ihrem Wissen und ihre Fähigkeiten auch der Schweiz helfen können. Vor allem verpassen wir eine Chance, Menschen in Not zu helfen. Menschen wie wir, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, sondern nur leben, lieben und wachsen wollen. Wir müssen die Chancen ergreifen. Die Dehumanisierung der Flüchtlinge in der Schweiz geht zu weit; es ist an der Zeit, sie zu beenden.

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