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Die Lehraufsicht gehört beaufsichtigt!

Mirjam Kohler, Nationalratskandidatin der JUSO Basel-Stadt mit einem Kommentar zur Lehraufsicht.

Heute habe ich mich in meiner Mittagspause mit einer Lernenden getroffen, die mir von den Missständen in ihrem Betrieb erzählt hat. In den letzten Wochen ist es mir öfter passiert, dass Lernende auf mich zugekommen sind, mir von ihren Problemen erzählt haben (ich denke jedes Mal, dass das aktuelle Beispiel ja wohl nicht mehr zu toppen ist, aber sie schaffen es echt immer wieder!) und mich teilweise konkret gefragt haben, ob sich ihr Betrieb dabei an das Gesetz hält und wie sie vorgehen könnten.

So sehr ich diesen Austausch schätze, weil er einfach auch zeigt, wie aktuell und brisant diese Thematik ist, die ich als Wahlkampfschwerpunkt gewählt habe, so sehr bin ich über diese Gespräche bestürzt.

Sie zeigen nämlich deutlich auf, wie grundlegend die Probleme im Bereich Lernende sind. Anstatt sich an die Lehraufsicht zu wenden, wie standardmässig empfohlen wird, wenden sich Lernende an mich.

Sie tun das aus absoluter Überforderung mit der Situation, aus Resignation, aus Angst vor der Reaktion des Lehrbetriebs und aus der Erfahrung oder Annahme heraus, dass die Lehraufsicht ihnen sowieso nicht weiterhilft. Und dieses Gefühl von „bei der Lehraufsicht wird mir nicht geholfen“ ist das Allerletzte und leider auch nicht aus der Luft gegriffen. Das zeigen mir meine eigenen Erfahrungen, aber auch Erzählungen von Lernenden. Es ist der Job der Lehraufsicht, Lösungen zu finden! Bei Problemen wegzuschauen, damit man auch ja nicht das Angebot an Lehrstellen tangiert oder es sich mit seinem sozialen und beruflichen Netzwerk versaut (wie dicht der Filz zwischen den InspektorInnen der Lehraufsicht und den Berufsbildnern und Geschäftsinhabern ist, ist echt unglaublich!), indem man Ausbildungsbewilligungen entzieht oder sonst konsequent eingreift, um die Rechte von Lernenden durch zu setzten, ist einfach nur erbärmlich und eine massive Missachtung des offiziellen Leistungsauftrags.

Meiner Meinung nach brauchen Betriebe nicht noch mehr Unterstützung darin, Lernende als billige Arbeitskräfte auszubeuten. Wer Unterstützung braucht, sind die, die aufgrund der Hierarchie und des Abhängigkeitsverhältnis extrem verletzlich sind: die Lernenden.

Dass die Lehraufsicht eine Gratwanderung zwischen den Rechten der Lernenden und den wirtschaftlichen Interessen zu machen hat, liegt in der Natur ihrer Zusammensetzung und des Leistungsauftrags dieser Stelle. Und dass man sich in so einem Fall für die mit dem Geld und dem Einfluss einsetzt, ist nichts, was uns in diesem System überraschen darf oder sich so schnell ändern wird.

Deswegen braucht es grundlegende Veränderungen, die auch die JUSO Schweiz schon in ihrem Positionspapier „Mehr Demokratie: Der Weg zu einer besseren Berufsbildung gefordert hat:

  1. Eine andere Zusammenstellung der Lehraufsicht
  2. Unbeschränkter und bedingungsloser Zugang der Gewerkschaften an die Berufsschulen
  3. Die obligatorische Aufklärung der Lernenden über ihre Rechte während der ganzen Ausbildung
  4. Regelmässige unangekündigte Kontrollen der Betriebe durch die Lehraufsicht.

Mit diesen Forderungen wird nur Symptombekämpfung betrieben, das ist mir klar. Aber sie würden das Leben und die Arbeitsbedingungen von vielen Lernenden bedeutend verbessern.

Weil Lernende mehr verdienen als Überstunden, schlechte Bezahlung, berufsfremde Arbeiten, ungenügende Ausbildung und miese Behandlung. Sie verdienen eine Lehraufsicht, die diesen Namen zu Recht trägt und nicht nur einen Deckmantel für die zahlreichen Lehrbetriebe bereithält, die grundlegende Rechte von Lernenden missachten.

Zeig, dass die Probleme von Lernenden nicht weiter unter den Tisch gekehrt werden dürfen!

Gemeinsam ändern wir, was uns stört!

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